alt

Die Forschungsgruppe Monetäre Souveränität

Geld wurde lange als rein technisches Mittel zur Erleichterung des Handels betrachtet und deswegen nicht nur vom wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream, sondern auch von den anderen Sozialwissenschaften kaum je zum Thema gemacht. In der Soziologie sprachen manche sogar von einer »Geldvergessenheit«.

Sie aber muss heute als überwunden gelten:  Die Erfahrungen der Finanzkrise, die Globalisierung von Zahlungs- und Menschenströmen, die Finanzialisierung des Kapitalismus und die dabei populär werdenden hochriskanten Geldderivate und monetären Surrogate, das rasante und exponentielle Wachstum der Geldmengen und dessen Verteilungseffekte, die anhaltenden Spannungen des supranationalen Regionalwährungsprojekts Eurozone oder das Aufkommen vieler neuer Lokal- und Kryptowährungen – das Geld hat sich inzwischen aus vielerlei Gründen wieder in die Aufmerksamkeitszone sozialwissenschaftlicher, kulturanthropologischer und historischer Forschung gedrängt.

In dieser Konjunktur wird Geld zumeist weder als neutrales, technisches Hilfsmittel des Markttausches, noch (allein) im Sinne von Vermögen und Wohlstand untersucht. Vielmehr nimmt man es als Treibstoff im Maschinenraum kapitalistischer Dynamik in den Blick und verbindet dabei die ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Sphäre. In diesem Sinne untersucht auch die Gruppe Interferenzen zwischen und Transformationen von Geldordnungen – soziale Architekturen also, die monetäre Werte und Verbindlichkeiten registrieren, dadurch konstituieren, vergleichbar machen, transferieren und auflösen. Geldordnungen werden damit als politische Infrastrukturen ökonomischer Felder und Prozesse adressiert.

Das die Einzelprojekte verbindende Motiv ist die Arbeit an einem komplexeren, d.h. in sozialwissenschaftlicher Empirie begründeten, theoretisch robusten und interdisziplinär anschlussfähigen Verständnis von monetärer Souveränität. Die Gruppe untersucht also die Konstitution und den Wandel privilegierter Zahlungsfähigkeit. Uns interessiert, auf welchen Ebenen – z.B. sektoral, geographisch, politisch – (so etwas wie) monetäre Autonomiegrade und monetäre Abhängigkeitsstrukturen in der gegenwärtigen Geldwirtschaft erzeugt und gestaltet werden – und welche Effekte diese Arrangements für die situative Handlungsfähigkeit von Akteuren haben, etwa im Hinblick auf Staaten in der Eurozone oder auf lokale Politiken und Ökonomien.
Wir fragen uns, wie die Einflussnahme auf Volumen, Wert und Wirkung von monetären Guthaben und Verbindlichkeiten sozial, politisch und kulturell konstruiert und verteilt wird, wie und wodurch sich diese Arrangements verändern und welche Relevanz monetäre Souveränität für die Theorie des Geldes, das Erzählen seiner Geschichte und das Verständnis von Konjunkturen des Kapitalismus reklamieren kann.

Wir sind auf der Suche nach den sozialen Folgen von Verschiebungen und Veränderungen monetärer Souveränität, insbesondere in den Interferenzzonen unterschiedlicher monetärer Ebenen und Ordnungen und wollen die Verbindungen, Differenzen und Spannungen zwischen verschiedenen Formen von Souveränität begutachten – etwa territorialer oder demokratischer Souveränität –, um durch ein solches Panorama unser Verständnis der Spezifizität des Monetären voranzubringen.

Carolin Müller untersucht in ihrem Promotionsprojekt, wie staatliche Kreditwürdigkeit und Zahlungsfähigkeit innerhalb des supranationalen Währungsprojekts Eurozone soziopolitisch hergestellt und definiert wird und wie sich diese Verfahren wandeln. Sie nimmt damit ein Experiment in den Blick, dessen Kern geradezu in der Überwindung nationalstaatlicher Geldordnungen liegt – eben jenen, für die das Konzept der »monetären Souveränität« maßgeschneidert wurde.

Gabriel Popham studiert die Interferenzen zwischen dieser supranationalen Währung und lokalen Geldpolitiken im Kontext des Strukturwandels einer Region in Norditalien (Projektstart September 2019). Er wird versuchen, ein konzeptuelles Verständnis für die hierarchische Strukturierung von Geldordnungen (und womöglich monetärer Souveränität selbst) zu entwickeln.

Friedo Karth nähert sich dem Thema aus polit-ökonomischer und politiktheoretischer Perspektive. Ihn interessieren die normativen und demokratietheoretischen Sinnressourcen, die im Konfliktfeld der Geldpolitik mit Begriffen wie »monetäre Souveränität« aufgerufen, verhandelt und zur Wirkung gebracht werden – und die Folgen. Der Fokus seines Projekts liegt, anders gesagt, auf dem Spannungsverhältnis zwischen monetärer und demokratischer Souveränität in modernen Geldwirtschaften.

Aaron Sahr schließlich arbeitet an einer Weiterentwicklung eines kredit- oder beziehungstheoretischen Zugangs zu Geld und Zahlungsfähigkeit. Er fragt sich, ob verschiedenen Modellen oder Phasen monetärer Souveränität nicht soziopolitische Auseinandersetzungen zugrunde liegen, die man eher als Aushandlungen legitimer Praktiken der Bindung und Bindungsauflösung, denn als Wertkonflikte rekonstruieren muss.

Friedo Karth

Geld, Souveränität, Demokratie.
Untersuchungen zum Spannungsverhältnis von monetärer Souveränität und demokratischer Staatlichkeit im europäischen Kontext

Mehr erfahren

Carolin Müller

Die Herstellung und Veränderung souveräner Kreditwürdigkeit in der Eurokrise

Mehr erfahren

Aaron Sahr

Perspektiven einer beziehungstheoretischen Soziologie des Geldes

Mehr erfahren